Brauchen wir die sogenannte Quotenfrau in der Wissenschaft?

Viele empfinden beim Begriff „Quotenfrau“ Unbehagen, da sie meinen, einen bestimmten Job würde „frau“ nur durch ihre Geschlechtszugehörigkeit und nicht wegen ihrer Leistung oder Qualifikation bekommen. Gerade im Bereich der Wissenschaft, wo es vielfach allein um Exzellenz und Bestenauslese geht, gilt das Label „Quotenfrau“ fast schon als Beleidigung. Doch diese Argumentation ist aus Grüner Sicht zu kurz gegriffen: 

 Wer im Sommer 2011 eine gleichstellungspolitische Bestandsaufnahme an den Hochschulen in unserem Land macht, kommt zu dem ernüchternden Ergebnis: In den Führungs- und Entscheidungspositionen sind Frauen völlig unterrepräsentiert. Gerade bei uns in NRW fallen die Zahlen drastisch aus. Gleich mehrere Studien, darunter der Gender-Report 2010, verweisen die Hochschulen in NRW auf einen der letzten Plätze bundesweit und zeigen, dass wir noch weit von der Gleichstellung der Geschlechter entfernt sind.

Wer nun behauptet, es mangele überhaupt an Nachwuchs, wird eines besseren belehrt, wie am 22. September auf dem Gender-Kongress des Wissenschaftsministeriums NRW erneut festgestellt wurde: Fast die Hälfte aller Studierenden in unserem Land sind Frauen, bei den Absolventinnen und Absolventen liegt der Anteil sogar über 50 Prozent. Unter den Promovierenden sind Frauen aber nur noch zu weniger als 40 Prozent vertreten, bei den Professuren der höchsten Besoldungsgruppe sind es schließlich weniger als 13 Prozent.

Nicht besser sieht die Bilanz in den Leitungsgremien aus. Durch alle Positionen hinweg beträgt der Frauenanteil lediglich ein Fünftel. Während in den Hochschulräten fast schon jede dritte Person eine Frau ist, ist es in den Dekanaten nur etwa jede zehnte. Auch die weiteren Gremien, Kommissionen und Beiräte sind weit davon entfernt geschlechterparitätisch besetzt zu sein.

Ist es nicht so, dass noch immer der lange Weg über die Promotion bis zu einer dauerhaften Professur von Unsicherheiten und Abhängigkeiten geprägt ist und dass festgezurrte Männerseilschaften und familienfeindliche Arbeitsbedingungen den Aufstieg von Frauen in der Wissenschaft verhindern?!

Bei der derzeitigen Geschwindigkeit würde es noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis die NRW-Hochschulen zu einem ausgeglichenen Verhältnis der Geschlechter kommen. Können wir es uns erlauben, so lange auf die Kompetenzen so vieler Frauen zu verzichten? Nein! Unser Ziel lautet daher: 50 Prozent Frauenanteil bis 2020.

Unsere zentrale Forderung ist die gesetzliche Verankerung einer flexiblen und zeitlich befristeten Frauenquote nach dem Kaskadenmodell, bis das Ziel der Gleichstellung erreicht ist. Nach diesem Modell  soll sich beispielsweise der Anteil der Professorinnen am Frauenanteil der abgeschlossenen Habilitationen orientieren oder soll der Anteil der Doktorandinnen so hoch sein wie der Anteil der Absolventinnen des jeweiligen Studiengangs.

Schaffen wir dadurch „Quotenfrauen“? Wer in diesem Zusammenhang von „Quotenfrauen“ spricht und so versucht eine Regelung zu verhindern, akzeptiert, dass die Geschlechterungerechtigkeit noch über Jahrzehnte andauern wird.

Wenn nicht jemand behauptet, dass Frauen weniger gut qualifiziert sind eine Position in der Wissenschaft auszuüben, dann kann die Antwort auf die eingangs gestellte Frage nur sein: Wenn die Qualität alleinentscheidend sein würde, dann wäre der Frauenanteil an den Professuren in NRW nicht so gering!

Eine Quote allein macht aber auch noch keine Gleichberechtigung. Es muss uns darum gehen gute Frauen zu fördern und sie zu motivieren. Die bestehenden Strukturen demotivieren jedoch nur. Die Hochschulen und das Land müssen daher ihre Maßnahmen stärker darauf ausrichten, die Strukturen an den Hochschulen zu ändern. Um zu einer wirksamen Steigerung des Frauenanteils an unseren Hochschulen zu kommen, brauchen wir nun umso mehr ein Bündel von wirksamen Maßnahmen, die vor allem in die anstehenden Novellen des Hochschulgesetzes und des Landesgleichstellungsgesetzes einfließen sollen:

  • Dazu gehören auch formalisierte und transparente Berufungsverfahren, eine intensive Promotionsbetreuung und professionell koordinierte Mentoring-Programme.
  • Es bedarf der Steigerung der Zahl an Juniorprofessuren mit Tenure-Track für die Stärkung des wissenschaftlichen Nachwuchses und einer verlässlichen Karriereplanung.
  • Die Ziel- und Leistungsvereinbarungen zwischen dem Land und den Hochschulen müssen mit der Leistungsorientierten Mittelvergabe und den Frauenförderplänen gekoppelt und Gleichstellungsziele verbindlich gemacht werden. Dazu gehört auch Sanktionen zu verhängen, sollten die vereinbarten Maßnahmen vernachlässigt werden.
  • Auch bei der Ausstattung der Gleichstellungsarbeit gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. Statt die Gleichstellungsarbeit nur über Wettbewerbe zu finanzieren, bedarf es einer Sockelfinanzierung, die sicherstellt, dass den Gleichstellungsbüros eine ausreichende Ressourcenbasis zur Verfügung steht. Auch müssen die Mitbestimmungsrechte der Gleichstellungsbeauftragten gestärkt werden, unter anderem dahingehend, dass sie über die Vergabe sämtlicher gleichstellungsbezogenen Mittel mitentscheiden dürfen.
  • Unsere Hochschulen müssen zudem familienfreundlicher werden, damit  Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler nicht länger vor die Wahl zwischen Familie und Karriere gestellt werden. Sich jedoch nur auf die Verbesserung familienfreundlicher Bedingungen an den Hochschulen zu versteifen ist nicht zielführend und reduziert die Gleichstellungsarbeit auf einen von vielen Aspekten.
  • Geschlechtergerechtigkeit muss nicht zuletzt zu einem zentralen Aspekt des Leitbildes einer jede Hochschule werden. Dieses Leitbild muss in der gesamten Hochschule verinnerlicht werden, was bedeutet, dass in Forschung, Lehre und akademischer Kultur Geschlechterfragen stärker berücksichtigen müssen.

Erst das Gesamtpaket dieser Maßnahmen stellt für uns ein hinreichendes Konzept für „geschlechtergerechte Hochschulen“ dar. NRW muss aufholen, wenn es um die Gleichberechtigung in Forschung und Lehre geht. Wir sind entschieden, den politischen Rahmen dafür zu setzen. Denn wir sind überzeugt: eine leistungsstarke Quotenfrau wird sich in der Wissenschaft genauso wie ihre männlichen Kollegen behaupten müssen und im wahrsten Sinne „ihre Frau“ stehen müssen“.


Blog von Dr. Ruth Seidl

Keine Kommentare