Rede zum DIE LINKE-Antrag

Bildungsgerechtigkeit herstellen – Masterplatzzulassungen ermöglichen


Rede von Dr. Ruth Seidl MdL, wissenschaftspolitische Sprecherin

Dr. Ruth Seidl (GRÜNE): Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau Böth, es ist manchmal gut, wenn man sauber recherchiert, eben auch bei Anträgen für dieses Parlament, denn die Behauptung, die Sie hier aufstellen, es gebe derzeit flächendeckend Engpässe, beruht auf keiner empirischen Grundlage. Sie haben es eben selber gesagt, als Sie gesagt haben, die entsprechenden Zahlen lägen nicht vor.

Was aber vorliegt und was man sich angucken kann, ist die bundesweite Erhebung der KMK für das Wintersemester 2010. Diese zeigt, dass mehr als dreiviertel aller Masterstudiengänge keiner örtlichen Zulassungsbeschränkung unterliegen. Deshalb kann von einem nicht ausreichenden Angebot auch nicht die Rede sein.

Bei den übrigen zulassungsbeschränkten Masterstudiengängen waren nach dieser Studie selbst nach dem Nachrückverfahren, bei dem die Beschränkungen nicht mehr oder in einem geringerem Maße gelten, noch 20 % dieser Studienplätze unbesetzt. Nur 5 % – so die Studie – sind auf eine mangelnde Koordination, die das dialogorientierte Serviceverfahren beseitigen soll, zurückzuführen.

In der Untersuchung gaben im Übrigen 90 % aller Bachelorabsolventinnen und -absolventen des Abschlussjahres 2009 an, einen Masterstudiengang in ihrem Wunschfach an ihrem Wunschort gefunden zu haben. Das drückt zwar in der Tat keine 100-prozentige Zufriedenheit der befragten Studierenden aus; die Unzufriedenheit ist allerdings auch nicht so hoch, wie Sie es hier heute suggerieren wollen.

Wenn wir jetzt nach Nordrhein-Westfalen blicken, so stellen wir fest, dass hier die kapazitative Ausstattung im Bundesvergleich sogar noch besser ist, denn bei uns sind derzeit nur etwa 12 % der Masterstudiengänge mit einem NC belegt.

Da in Nordrhein-Westfalen auch Masterstudiengänge in die Kapazitätsberechnung für das erste berufsqualifizierende Studium einschließen, werden indirekt durch diese Vereinbarung auch die Aufnahmekapazitäten im Masterbereich abgesichert. Das heißt, wir planen bei den Kapazitäten nicht nur die Bachelorstudiengänge, sondern direkt auch den Master an vielen Orten mit ein.

Nun fordern Sie in Ihrem Antrag, dass das Land mit den Hochschulen vereinbaren soll – Herr Kollege Schultheis hat es eben auch angesprochen –, dass mindestens 60 % der Bachelorabsolventinnen und -absolventen einen Masterplatz erhalten sollen. Mit Verlaub, was hieße das alleine für die Lehrerausbildung? Das hieße, dass möglicherweise reihenweise halbfertige Lehrerinnen und Lehrer auf der Straße stünden. Da geht die Landesregierung – Gott sei Dank! – seriöser vor und schafft Planungssicherheit, indem sie mit jeder lehrerausbildenden Hochschule in Nordrhein-Westfalen die notwendigen Studienplätze für den Master of Education vereinbart, um die Deckung des prognostizierten Bedarfs auch sicherzustellen.

(Beifall von den GRÜNEN und von Karl Schultheis [SPD])

Was derzeit fehlt, sind in der Tat empirisch belastbare Informationen für den Übergang vom Bachelor in den Master. Herr Schoser, das ist nicht nur ein NRW-spezifisches Problem. Es betrifft ganz Deutschland. Punktgenaue Lösungen kann es im Grunde genommen gar nicht geben. Wir können nur für möglichst viele Studierende möglichst viele Studienplätze anbieten, gerade wegen der Flexibilität – Sie haben es dargestellt – und wegen der europäischen Mobilität, die wir mit diesem Bologna-Prozess auch erreichen wollen.

Dann muss es auch schon einmal möglich sein, nach dem Bachelor an eine andere Hochschule zu wechseln. Manchen Studierenden kommt es besonders entgegen, weil sie sich vielleicht einen ganz anderen Masterstudiengang wünschen, der vielleicht woanders attraktiver ist.

Frau Böth, wenn Sie heute fordern, dass wir uns für eine ausreichende Zahl an Masterstudienplätzen und deren Finanzierung auch gegenüber der Bundesregierung einsetzen sollen, dann frage ich mich: Warum unterstützen Sie nicht unseren Antrag zum Hochschulpakt, in dem wir bereits vor Monaten die Masterkomponente eingefordert haben?

(Beifall von den GRÜNEN und von der SPD – Zuruf von Gundhild Böth [LINKE])

– Wenn Sie das unterstützen wollen, ist es gut. Ansonsten würde ich sagen: Es geht es Ihnen lediglich um populistische Forderungen, die Ihre Wählerinnen- und Wählerklientel bedienen sollen, wenn Sie einen solchen Alleingang gehen.

Um es deutlicher zu sagen: Es ist empirisch nicht belegbar, von einem Mangel an Masterstudienplätzen zu sprechen oder ihn zu prophezeien. Die Vermutungen basieren auf falschen Annahmen und schüren lediglich unbegründete Ängste. Das sollten wir nicht tun.

In einem Punkt können Sie sicher sein, Frau Böth: Wir sind uns unserer Verantwortung für die jungen Menschen in Nordrhein-Westfalen bewusst. Wir beobachten die Entwicklungen so gut wie möglich und stehen auch in Kontakt mit den Hochschulen, um flexibel und schnell auf Probleme zu reagieren.

Vor dem Hintergrund ist es auch zu begrüßen, dass derzeit eine Erhebung in Nordrhein-Westfalen für das Wintersemester 2011/2012 von der Landesregierung initiiert wurde, die belastbare Daten zur weiteren Entwicklung des Bedarfs an Masterstudienplätzen erbringen soll. Das käme auch Herrn Schoser entgegen, uns natürlich auch. Vielleicht können wir dann die Diskussion noch einmal aufnehmen und das vertiefen, was wir heute diskutieren.

Was die Ausweitung des Hochschulpaktes 2020 angeht, kann ich nur noch einmal an alle gerichtet wiederholen: Unterstützen Sie unseren Antrag „Den Hochschulpakt weiterentwickeln: Für bessere Studienbedingungen an unseren Hochschulen“ vom 20.09.2011, denn eine gemeinsame Initiative aller Fraktionen im Landtag ist im Interesse des Ziels immer besser, als aussichtslose Alleingänge zu unternehmen. – Herzlichen Dank.

(Beifall von den GRÜNEN und von der SPD)