Rede zur Unterrichtung der Landesregierung

Neues Konzept zur Sicherung eines qualitativ hochwertigen und wohnungsnahen Grundschulangebots in NRW


Rede von Sigrid Beer MdL, bildungspolitische Sprecherin

Sigrid Beer (GRÜNE): Es geht um kleine Grundschulen. Da will ich einmal das Pult herunterfahren.

(Heiterkeit)

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte damit beginnen, womit der Kollege Link aufgehört hat, und ganz ausdrücklich den Dank an die beteiligten Fraktionen und Fachkolleginnen für die Beratungen und das gute Ergebnis zurückgeben. Vor allen Dingen richte ich meinen Dank auch an das Ministerium für das pfiffige Konzept und für die gute Grundlage.

Wenn ich jetzt im Land unterwegs bin, bestätigt sich das in den Gesprächen mit den Schulträgern, mit den Eltern und mit den Schulen. Natürlich bleiben Fragen zur Umsetzung, die ich gern gleich der Ministerin mitgeben möchte, denn auch das sind die Rückmeldungen. Bevor das Konzept nun in Gesetzesform gegossen wird, haben wir die Chance, genau das aufzunehmen. Das sind wichtige Hinweise.

Herr Kollege Sternberg, ich will mich jetzt nicht mit Ihnen über die Frage unterhalten, ob wir die PHs hätten erhalten sollen.

(Heiterkeit von Gunhild Böth [LINKE])

Denn es geht in der Tat nicht nur um die Frage der Liebe zu den Kindern, die zwar auch zentral ist, sondern um die Frage eines wissenschaftsorientierten Unterrichts. Es hat zum Beispiel der Grundschulausbildung in Baden-Württemberg nicht zu mehr Ansehen verholfen, dass sie noch in den PHs verblieben ist.

(Zuruf von Prof. Dr. Thomas Sternberg [CDU])

Darüber müssen wir miteinander reden.

Aber dass wir alle Dimensionen der Bildung umfassen müssen – den musisch-kreativen Bereich, die Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen, naturwissenschaftliche Grundbildung –, darüber sind wir uns, glaube ich, einig. Wir müssen eine ganzheitliche Bildung in den Grundschulen angehen. Da sind die Grundschulen mit ihrer Bilanz natürlich ein Vorbild – auch international und für die weiterführenden Schulen.

In der Landschaft ist Erleichterung darüber festzustellen, dass sich die Parteien politisch verständigt haben und es jetzt Möglichkeiten gibt, wohnortnah weiterhin ein qualitativ hochwertiges Grundschulangebot vorzuhalten.

Die Ministerin hat es ausgeführt: Die wesentlichen Parameter sind mehr Flexibilität, aber auch eine gesicherte Ressourcenausstattung und größere Gerechtigkeit zwischen den einzelnen Kommunen. Das war notwendig. Das ist gut und richtig. Hier hat die Politik auf die Realität reagiert und schafft damit Zukunft für die kleinen Schulen und für eine wohnortnahe Beschulung.

Nicht nur die Stellenkontingente, die hinterlegt werden, wurden angefasst. Denn zum Ende der Zeit der Vorgängerregierung haben wir erlebt, dass das Tischtuch völlig ausgereizt war. Alle zusätzlichen Stellenkontingente sind in die Abwicklung der Stundentafel geflossen. Jetzt gibt es die notwendigen Stundenkontingente. Natürlich ist auch das Thema der Leitungszeit angefasst worden, denn auch das ist notwendig. Wenn man mit mehreren Standorten operiert, muss auch das in diesem Budget einbegriffen sein.

Für die Kommunen ergeben sich jetzt klare Regelungsrichtgrößen. Es ist aus meiner Sicht wichtig, vier Aspekte vor Ort immer wieder miteinander zu diskutieren. Ich plädiere, wenn ich vor Ort bin, bei den Eltern, den Schulträgern und auch den Schulen dafür, genau diesen Prozess ganz offen anzulegen. Es braucht eine „Zukunftswerkstatt Schule/Grundschule“ auch in der Region und in der Kommune. Dann geht es darum, miteinander die neue kommunale Klassenrichtzahl zu betrachten – das ist ganz wichtig –, aber auch darum, gemeinsam anzustreben, gleich große Lerngruppen an den einzelnen Schulstandorten hinzubekommen. Denn es kann nicht sein, dass ein kleiner Standort mit Lerngruppen in der Größe von 15 Kindern operiert, während auf der anderen Seite Klassengrößen von 30 Kindern zustande kommen.

(Vereinzelt Beifall von den GRÜNEN und von der SPD)

Da ist eine gemeinsame Verantwortung von Kommune und Eltern notwendig.

Die ganz spannende Frage betrifft die pädagogischen Konzepte. Wir haben gemeinsam im Konsens verankert, dass es darum geht, auch pädagogisch innovativ zu sein. Es geht wahrlich nicht, Herr Kollege Sternberg, nach dem Muster eines Schweizer Kräuterbonbons: Wer hat das denn zuerst gedacht? – Ich war sowohl mit Kolleginnen und Kollegen der FDP in Minden-Lübbecke wie auch mit dem Kollegen Kaiser im Hochsauerlandkreis vor Jahren schon zum Thema „kleine Grundschulen“ unterwegs. Wir haben das Thema gemeinsam bearbeitet, weil es uns alle getrieben hat und weil es ein wichtiges Feld ist. Deswegen muss man da jetzt hinschauen.

Wir haben bei unseren Gesprächen erfahren: An vielen Teilstandorten ist dieser innovative Impuls schon lange vorhanden. Wir haben dort altersgemischte Konzepte, mehr jahrgangsübergreifendes Lernen. Wenn es darum geht, das jetzt zusammenzuführen, dann ist meine Rückmeldung, dass es häufiger an den Hauptstandorten schwierig ist, diese Konzepte zusammenzuführen.

Wenn wir nicht auf diese Entwicklung sorgsam achtgeben, die Schulen schon vorgelegt haben, wenn wir sie dazu bringen, zu sagen, sie müssten ein einheitliches pädagogisches Konzept am Hauptstandort und am Teilstandort haben, dann kann das dazu führen, dass die pädagogische Innovation eher zurückgedrängt wird. Da gibt es eine kulturelle Entwicklung in Sachen Ganztag, in Sachen der Fördervereine und diese pädagogische Kultur, die ganz besonders zu erhalten ist und die vielleicht erst ein oder zwei Jahre später zum Beispiel an dem Hauptstandort umgesetzt werden könnte.

Diese Einheit sollte etwas selbstständiger bleiben, weil dort das altersgemischte Lernen auch notwendig ist und wir sonst die Teilstandorte ausbremsen. Das ist eines der Anliegen, das ich an die Ministerin gerne transportieren möchte. Auch die Rückmeldungen beinhalten diese Besorgnis der Eltern, wenn es eine Uneinheitlichkeit in der Entwicklung an den Standorten gibt.

Mein zweiter Wunsch wäre – auch das entspricht der Rückmeldung der Eltern, der Schulträger und auch der Kolleginnen und Kollegen –: Die Arbeit der Schulen, die das so erfolgreich praktizieren – ich weiß, das machen viele im Land, ich darf stellvertretend zum Beispiel die Lindenhofschule in Halver nennen, die das altersgemischte Lernen sehr überlegt eingeführt hat und seit Jahren erfolgreich arbeitet –, sollte anderen Schulen zugänglich gemacht werden. Wie geht es eigentlich, diesen Übergang zu finden? Ich kann die Wartburgschule in Münster oder die Südschule in Lemgo nennen. Überall haben wir gute Beispiele. Dieses Voneinander-Lernen ist unbedingt wichtig und notwendig.

Wir haben eine Spannbreite in den Erörterungen. Kolleginnen und Kollegen sagen: Das ist kein Problem, wir stellen jetzt auf jahrgangsübergreifendes, altersgemischtes Lernen um, denn die Kinder sind sowieso so unterschiedlich, wenn sie in die Schule kommen. Andere sagen: Da brauchen wir ein Jahr, zwei Jahre oder wenigstens drei Jahre. Da sind Berührungsängste vorhanden. Es gibt ein Defizit an Informationen: Wie macht man es schulorganisatorisch, es hinzubekommen? Es wäre sehr wertvoll, wenn wir auf Bezirksregierungsebene einen Informationspool auflegen und deutlich machen, dass man voneinander lernen kann und dass diese Wege gelingen können. Ich glaube, dann sind die Eltern und auch die Schulen und vor allen Dingen die Schulträger sehr dankbar.

Was wir nicht machen sollten, das sind Konzepte, die jetzt auch in einigen Kommunen angedacht werden, wo es – ich nenne es einmal „neue Kinderlandverschickung“ – darum geht, Kinder jahrgangsweise in den Bus zu setzen, um Teilstandorte zu sichern. Das kann man nicht gegen den Willen der Eltern machen. Das ist der erste Hinweis. Der zweite: Das verursacht immense Kosten in der Kommune. Auch da ist es besser, das Lernen altersgemischt am Standort anzugehen, als zu solchen Konstruktionen zu greifen.

Ich will zu der pädagogischen Innovation noch einen Hinweis geben. Altersgemischtes Lernen ist kein Allheilmittel aus demografischen Gründen, sondern es gehört eine pädagogische Fundierung und Überzeugung dazu. Viele Kolleginnen und Kollegen sind bereit, genau diesen Weg zu gehen. Wir brauchen eine zielgerichtete Unterstützung, damit hier auch das pädagogische Innovationspotenzial eröffnet wird und wir die Qualität am Standort haben.

Das ist der vierte Parameter, den ich noch ansprechen wollte, neben der pädagogischen Innovation: Es geht um die Qualität am einzelnen Standort. Deswegen gehört auch das in den Diskurs um die Zukunft der Grundschulen auf der kommunalen, der regionalen Ebene. Dazu gehört, die Lehrerausstattung so zu garantieren, dass alle Fächer adäquat unterrichtet werden können, dass die Lerngruppen so geschnitten werden und zum Beispiel Englisch in der Grundschule garantiert wird, in welcher Lernorganisation dann auch immer. Aber wir brauchen die Zuweisung der Fachkräfte. Das ist ein Problem, das vor Ort mit bedacht und diskutiert werden muss. Auch den Eltern geht es natürlich um die Qualität der Grundschule vor Ort.

Also noch einmal ein ganz klares Plädoyer! Das sind die Dinge, die vor Ort in diesem offenen Diskurs mit Unterstützung aus Düsseldorf über die Bezirksregierung gestaltet werden müssen. Einmal mehr merkt man in der Debatte um die kleinen Grundschulen, dass es nicht geht, 6.000 Schulen vom Land aus zu administrieren. Hier ist die Selbstständigkeit der Schulen, die Eigenverantwortlichkeit der Kommunen unter den qualitätsorientierten Parametern, die ich bereits genannt habe, gefragt.

Dass so viele vor Ort darangehen und es zu ihrer Sache gemacht haben, dass ihnen Bildung vor Ort so viel wert ist, das ist auch ein Fund, mit dem wir hier in Nordrhein-Westfalen wuchern können. Es macht Mut, dass die Schulentwicklung sich jetzt so positiv weiter gestaltet.

Ich möchte die Kolleginnen noch an einen Punkt erinnern. Wir waren gemeinsam auf der Ausschussreise in der Schweiz. Anstatt über einen Flächenindex nachzudenken, sollten wir vielleicht die Ergebnisse, die wir damals beobachten konnten, noch einmal zusammen durchdenken. Dazu gehört zum Beispiel die Idee des Bildungshauses, die auch in Nordrhein-Westfalen an einigen Stellen schon gedacht wird, nämlich Kita und Grundschule unter einem Dach zu haben, sodass man gemeinsam in der Bildungskette etwas entwickeln kann und die Fragen von Ganztag neu gedacht werden können. Das haben wir uns in der Schweiz angeschaut. Es ist an der Zeit, das noch einmal zurückzuholen und über solche Ansätze, die für die ganz kleinen Standorte unterstützend wirken können, miteinander zu diskutieren. – Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall von den GRÜNEN und von der SPD)