Schule muss natürliche Mehrsprachigkeit erhalten und qualifiziert ausbauen
Rede von Arif Ünal MdL, migrationspolitischer Sprecher
Arif Ünal (GRÜNE): Liebe Frau Präsidentin! Meine Kolleginnen und Kollegen! Ich freue mich, dass es aufgrund eines Antrags Gelegenheit gibt, sich über das Thema „Muttersprachlicher Unterricht“ in einer Plenardebatte auszutauschen.
Der Landtag NRW ist in der Vergangenheit immer sehr sensibel und konstruktiv mit der Förderung der natürlichen Mehrsprachigkeit von Kindern umgegangen. Daran hat der Satz aus der schwarz-gelben Koalitionsvereinbarung von 2005 nichts geändert, wonach die Muttersprache in Deutschland Deutsch sei. Auf der fachpolitischen Ebene haben solche Sätze in diesem Hause nie eine Rolle gespielt. Gott sei Dank!
Jeder Mensch weiß, dass die Muttersprache die Sprache der Mutter ist. Und die hängt nicht von Landesgrenzen ab. Viel wichtiger ist, dass die Kinder aus einem fremdsprachlichen Elternhaus möglichst früh einen Kindergarten besuchen, um Deutsch als zweite Sprache besser zu lernen.
Die sichere Beherrschung der Muttersprache und der deutschen Sprache, die konsequente Förderung beider Sprachen und weiterer Fremdsprachen sind erklärtes Ziel der rot-grünen Landesregierung. Eine Beherrschung mehrerer Sprachen entspricht nicht nur einem bürgerlichen Bildungsideal, sondern bietet auch die beste Voraussetzung für schulischen Erfolg und individuellen Eintritt ins Berufsleben.
Ihr Antrag greift vor allem den Aspekt der Lehrerausbildung auf. Hier haben wir, was die Qualität angeht, bereits seit Langem Fortschritte erzielt. Die in einem ersten Schritt aus dem Ausland, vor allem aus der Türkei geholten Lehrkräfte wurden Schritt für Schritt durch im Inland ausgebildete Lehrkräfte ersetzt. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Er befindet sich aber auf einem guten Weg.
Lehrkräfte mit einem ausländischen Hochschulabschluss können ebenfalls eingesetzt werden, wenn sie an einer zusätzlichen Qualifizierungsmaßnahme erfolgreich teilgenommen haben. Hier passiert also schon genau das, was in anderen Bereichen durch die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse erst noch erreicht werden soll.
Nicht zuletzt bieten viele Universitäten in NRW auch die Hauptherkunftssprachen als ordentliche Studienfächer an. Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, dass allein die Universität Duisburg-Essen mit ihrem Angebot „Türkisch als Muttersprache“ fachlich qualifizierte Lehrkräfte ausbilden würde. Natürlich kann der Lehrauftrag für den muttersprachlichen Unterricht auch durch das Studium einer Herkunftssprache an einer anderen Hochschule, die die entsprechende Sprache anbietet, erworben werden. Das passiert auch in NRW. Wir haben mittlerweile 15 Sprachen in diesem Bereich.
Der Antrag ist an dieser Stelle fachlich fragwürdig und greift außerdem zu kurz. Ich würde darüber hinaus gerne einmal der Frage nachgehen, wie wir es schaffen können, dass Schulen Muttersprachen verstärkt als zweite Fremdsprache anbieten. Das ist ein wirklich wichtiges Thema, weil es eine Aufwertung der entsprechenden Sprachen bedeutet. Das geschieht schon dadurch, dass die Sprachen dann im ordentlichen Stundenplan der Schulen auftauchen, statt den Schülern als Extraangebot im Nachmittagsbereich mit Anfahrtszeiten zugemutet zu werden.
Wir müssten uns hier eigentlich Gedanken darüber machen, wie wir die Schulen von der Herkunftssprache, von der Muttersprache als ordentliches Unterrichtsangebot überzeugen können. Da liegt nämlich das Problem: Wir können die Schulen nicht dazu zwingen.
Wir müssen uns außerdem über die Änderung des Erlasses zum muttersprachlichen Unterricht von Dezember 2009 verständigen. Ich bin nämlich dagegen, dass darin die Möglichkeit von Konsulatsunterricht vorgesehen ist. Wir haben uns in NRW anders als in anderen Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg bewusst gegen Konsulatsunterricht entschieden und sollten das auch konsequent durchhalten.
Es gibt also einiges zu besprechen, aber weniger das, was in Ihrem Antrag steht. Dennoch stimmen wir der Überweisung in die Ausschüsse zu. – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall von den GRÜNEN)

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